Mit Marmeladeneimer und Keilspaten: Erinnerungen an die Wiederaufforstung in der Senne

Kiefern in der Sennevon Ulrich Mai – Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die Briten als Teil von Reparationsforderungen in der Senne viele Quadratkilometer wertvoller Kiefernalthölzer  eingeschlagen und sogleich abtransportiert. Die Folge war eine ökologische Katastrophe beachtlichen Ausmaßes: die nun baumlosen Flächen versteppten innerhalb weniger Jahre, wo zudem Militärfahrzeuge den Boden belasteten, verschwand gar die Vegetation völlig und der Sandboden war schutzlos der Witterung ausgesetzt. An windigen warmen Sommertagen gingen sichtbar dichte Schwaden von Sand über diesen Teil der Senne hinweg, unter der Augustdorfer Bevölkerung hieß es dann, „heute ist wieder die Senne unterwegs“.

In dieser Situation, offenbar auch, nachdem sich Bürger und Rathaus der Gemeinde Augustdorf beschwert hatten, beschloss die für den Truppenübungsplatz zuständige Forstverwaltung eine großangelegte Aktion zur Wiederaufforstung der fraglichen Flächen zwischen Pollmannskrug, Südgrenze der Gemeinde Augustdorf, dem sog. „Ausländerlager“ (der späteren Kaserne), Lopshorn und Krähenlau. Ausführung und Organisation lagen beim damaligen Revierförster Kurt Mai, meinem Vater, Revierförsterei Teutoburger Wald im Forstamt Senne.

Im Frühjahr 1950 erschien er, nach Rücksprache mit der Schulverwaltung, das erste Mal in der Augustdorfer Volksschule, stellte hier das Wiederaufforstungsprojekt vor und warb unter den Schülern und Schülerinnen um aktive Mithilfe. Das Interesse war tatsächlich beachtlich, bot sich hier doch die damals, noch deutlich vor dem sog. Wirtschaftswunder, seltene Gelegenheit, selbst ein bisschen Geld zu verdienen. Ich selbst habe seinerzeit, d.h. im Alter von neun Jahren, mit stolzen 44 Pfg. in der Stunde mein erstes Geld verdient. Aber auch die Schulverwaltung begrüßte die Verdienstmöglichkeiten der Pflanzaktion: Bis Anfang der 60er Jahre wurde den Schülern der 8. Klasse zugesichert, sich  die Kosten für die Abschlussfahrt zum Landschulheim  Norderney „auf der Kultur“ verdienen zu können. Freilich ging die Attraktivität einer Teilnahme weit über die monetäre Entlohnung hinaus.

Das erste Mal wurde in den Osterferien 1950 gepflanzt. Am Morgen des ersten Pflanztages fanden sich vor der Revierförsterei Scharen von Interessenten ein, wurden hier vom sachkundigen Blick von Förster und seinem Stammpersonal bestätigt und unter Anleitung auf die jeweilige Fläche geführt. Immerhin handelte es sich um mehr als 100 Schüler und Schülerinnen, in der Regel älter als 10 Jahre, möglichst älter als 14 Jahre. Alle waren mit einem Fahrrad, Marmeladeneimer (für den handlichen Transport der einjährigen Kiefersämlinge) und größeren Lappen (zum Einwickeln und Frischhalten der Sämlinge) ausgestattet. Das eigentliche Pflanzen geschah unter der Kontrolle von Forstaufseher Hans Köhl, dann aber auch unter Anleitung der Waldarbeiterinnen, die mit einem eisernen Keilspaten für jeweils drei Schüler die Pflanzlöcher  (i.d.R. 3 Pflanzen auf einen laufenden Meter) anlegten. Die Schüler folgten auf Knien in den Pflanzreihen, hielten die Kiefernsämlinge in die vorgegebenen Pflanzlöcher und schlossen sie mit einem ca. 30 cm langen Handspatel. Da die Anzahl der Waldarbeiterinnen für die angesprochene Aufgabe zu gering war, durften einige ältere Schüler ebenfalls mit Keilspaten arbeiten, ihr Stolz angesichts der übertragenen verantwortungsvollen Aufgabe war beträchtlich.

Die Pflanzaktion bot den Jugendlichen offenbar besondere Rahmenbedingungen für die Entwicklung sozialer Beziehungen zwischen Freundschaften und Rivalitäten, außerhalb geregelten Schulunterrichtes und kontrollierter Nachbarschaft. Besonders beliebt waren für alle die Arbeitspausen, in denen mittels einer Zwille über einem Feuer die mitgebrachten Butterbrote geröstet wurden. Aber auch im Arbeitseifer suchten sich einige gegenseitig zu überbieten. Nahezu legendär waren die Fahrradrennen einiger Jungen, die nach Feierabend auf dem Heimweg ausgetragen wurden, und gelegentlich soll es auch zu ernsthaften Überschreitungen gekommen sein, etwa, als Straßenschranken geschlossen wurden, obwohl der Truppenübungsplatz für den Durchgangsverkehr geöffnet war.

Die Aufforstungsaktion stellte sicherlich eine beachtliche organisatorische Leistung dar, die weit über die Einbindung von Schülern und Schülerinnen hinausging. So mussten die Flächen zuvor „umgebrochen“ werden. Nur auf einem geringen Teil der Flächen wurden Pflanzplätze vorbereitet, indem  von Waldarbeitern mit dem Spaten per Hand Plaggen gestochen wurden, um so die Wurzelkonkurrenz der Setzlinge zu reduzieren. Sehr aufwendig wurden die großen Kulturflächen für die Pflanzung vorbereitet. So wurden zum „Vollumbruch“ tiefgreifende schwere Pflüge, durch Planierraupen gezogen, eingesetzt, die den Ortstein, den für die Senne charakteristischen mineralischen Anreicherungshorizont, der wegen seiner wasserstauenden Wirkung jede Aufforstung gefährdet, erreichen konnten. Das geschah unter anderem auf der Roy’schen Fläche, wo dann allerdings durch diesen Vorgang auch die nur dünne Humusschicht des mageren Podsolbodens mit untergepflügt wurde. Tatsächlich war die Skepsis bezüglich des Erfolges der Wiederaufforstung wegen des mageren Bodens und ausbleibender Niederschläge verbreitet.

Ein nicht geringes Hindernis für die klassische Anlage von Pflanzreihen stellten naturgemäß die von den Briten zurückgelassenen Stubben dar, die in mühsamer Kleinarbeit von Raupen, meist unter Zuhilfenahme von Ketten, herausgezogen und an speziellen Plätzen gesammelt werden mussten, wo sie dann zu Brennholz zerkleinert wurden.  Zudem mussten die Kiefernsetzlinge in hinreichender Anzahl beschafft werden. In der Regel wurden sie von privaten Baumschulen gekauft, bis zum Pflanzen eingeschlagen und an warmen Tagen mittels eines Tankwagens zusätzlich feucht gehalten. Die mit Kiefern aufgeforsteten Flächen wurden nach ostpreußischem Muster mit  Birken umsäumt.

Im übrigen wurde jede Gelegenheit genutzt, zusätzliches Saat- und Pflanzgut aus dem heimischen Revier zu gewinnen. So wurden Fichten- und Kiefernzapfen gesammelt und in einem als behelfsmäßige Darre eingerichteten Stallraum erhitzt, bis sie das Saatgut freigaben.
Zudem wurden in der Försterei mit hohem Arbeitsaufwand zwei Pflanzkämpe für die Anzucht von Pflanzgut unterhalten. Hier wurde Saatgut ausgesät und Sämlinge verschult, bis sie in geeigneter Größe auf der Kulturfläche ausgebracht werden konnten. Zusätzlich wurden aus dichten Fichten-Naturverjüngungen geeignete Pflanzen mit Ballen ausgestochen, um dann wieder in leicht vergrasten Flächen (z.B. Fehlstellen in Buchen-Naturverjüngungen) eingesetzt zu werden.

Auf den fraglichen Flächen der Senne südlich von Augustdorf wachsen heute Kiefernwälder. Man mag darüber sinnieren, ob unter heutigen Einsichten eine Aufforstung fast ausschließlich mit der Kiefer ökologisch angemessen war. Jedenfalls folgte auch die damalige Entscheidung dringenden ökologischen Anforderungen einer raschen Aufforstung, und die Entscheidung für die Kiefer orientiert sich am Charakterbaum der Senne.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Der Artikel hat mir sehr gut gefallen. Ich bin in der Senne aufgewachsen und kannte den Revierförster Mai. Mein Vater, Hans Köhl, hat tatsächlich mit „seinen“ Waldarbeiterinnen einen Teil der Senne rekultiviert. Mein Bruder durfte mitpflanzen, ähnlich wie Ulrich Mai und fuhr auch nach Norderney. Ich war noch zu jung und als Mädchen war man sowieso nicht geignet.
    Per Zufall bin ich auf den Artikel gestoßen und ich habe mich sehr darüber gefeut!
    Marlene Sommoggy, geb. Köhl

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