Die Befürchtungen der Waldbauern gegenüber einem Nationalpark Lippe sind unbegründet

Totholz im WaldbestandJe konkreter das Projekt „Nationalpark Lippe“ diskutiert wird, desto deutlicher wird auch, dass die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit von Befürchtungen, Vermutungen und Behauptungen belastet ist, die sich bei genauer Betrachtung als unbegründet erweisen. Das haben jüngst wieder Pressemeldungen der Waldbauern gezeigt. Diese haben sich massiv gegen einen Nationalpark gestellt und den Verkauf ihrer Waldflächen kategorisch ausgeschlossen. Die von den Waldbauern vorgetragenen Argumente sind jedoch lange nicht so eindeutig und schlüssig. Dazu im Folgenden Beispiele häufig vorgetragener Ablehnungsgründe für einen Nationalpark Lippe, die in Wahrheit keine sind.

Holz ist ein Rohstoff, der in Zukunft immer wichtiger, immer knapper und immer teurer wird. Aus diesem Grund ist es unverantwortlich, große Waldbestände der wirtschaftlichen Nutzung zu entziehen. Mit einem Nationalpark Lippe würden aber jährlich 80.000 Festmeter Holz vom Markt genommen. Dieses Holz fehlt den regionalen Holzverarbeitungsbetrieben. Holzmangel führt dazu, dass die Möbelindustrie abwandert und viele Tausend Arbeitsplätze gefährdet werden.

Richtig ist: Die regionale Holzwirtschaft braucht Holz und ihre Versorgung mit Holz muss gesichert sein. Das ist sie aber auch. Das ergibt sich schon aus den Größenverhältnissen der wirtschaftlich genutzten Waldflächen und der Nationalparkflächen sowie aus der derzeitigen Bedarfsdeckung auf dem Weltmarkt. Würde ein Nationalpark in Lippe errichtet, so beträfe das 0,05 Prozent des Waldes in Deutschland, von dem auch weiterhin 99 Prozent bewirtschaftet werden.

Als 2005 die Errichtung eines Nationalparks Senne-Eggegebirge in greifbare Nähe rückte, wurde die Betroffenheit der Holzindustrie untersucht. Die damalige Studie des Umweltministeriums zur Auswirkung der Nationalparkausweisung auf das Cluster Forst und Holz in OWL, die sich auf Flächen der Egge bezog, die der heutigen Suchraumkulisse direkt benachbart sind,  ergab, dass dort  2004 rd. 61.000 m3 eingeschlagen  und an 70 Abnehmer verkauft wurden. 70% dieser Menge ging an 12 Hauptkunden der Säge- und Holzindustrie und an Händler. Bei diesen Hauptkunden machte die Menge aus der damaligen NP-Kulisse Teilgebiet Egge (10.490 ha) nur zwischen weniger als 1% und bis zu 16% ihrer Gesamtkapazität aus. Eine Abhängigkeit der Hauptkunden von der Lieferung aus der damals diskutierten NP Kulisse konnte objektiv nicht nachgewiesen werden. Es spricht vieles dafür, dass die Verhältnisse bei der räumlich direkt benachbarten NP Kulisse Lippe ähnlich sind.

„Nachhaltige Forstwirtschaft im Bereich Teutoburger Wald und Eggegebirge kann nur Bruchteile der möglichen Wertschöpfung einer angepassten touristischen Nutzung eines Nationalparks erreichen“

Zu beachten ist außerdem, dass bei der Studie die Mehrzahl der Kunden Nadelholz kaufen. Durch die Umwandlung der Nadelholzbestände in einem NP zu Laubwald steigt bei einer NP-Ausweisung außerdem dessen Einschlag kurz- und
mittelfristig an.

Die vorzugsweise von der Holzindustrie propagierte Sorge um den Verlust von Arbeitsplätzen durch Holzmangel erweist sich als eine Übertreibung, die im offensichtlichen Widerspruch zu den Fakten steht.

Die im Lipper Raum vorhandene Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die relativ intakte Natur in ihrer ganzen Schönheit und mit einzigartigen Naturschätzen, die als Rechtfertigung für die Errichtung eines Nationalparks angeführt werden,  ist das Ergebnis des sorgsamen Umgangs der Waldbauern mit der Natur und somit ihr Verdienst. Um das zu erhalten, brauchen wir keinen Nationalpark. Wir sollten alles so erhalten wie es ist.

Richtig ist: Soweit der erhaltene Artenbestand nicht nur das Ergebnis staatlicher Gesetze und Schutzauflagen, sondern auch einer auf Naturschutz bedachten sorgsamen Waldbewirtschaftung ist, verdient das Anerkennung und Lob. Aber über 95 % der Buchenwälder in Deutschland weisen nicht alle Altersstadien eines natürlichen Bestandes auf. Wegen intensiver holzwirtschaftlicher Nutzung fehlen Terminal- und Zerfallsphasen des Regenerationszyklus (1). Dabei zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass die Diversität z. B. bei Pilz-, Flechten- und Moosarten sowie bei Käfer- und Vogelarten in Naturwaldparzellen und älteren Nationalparks sogar sorgsam bewirtschaftete Laubwald-Forste  erheblich übertrifft – von den dunklen Fichtenmonokulturen ganz zu schweigen. Altersgestaffelte Waldbestände mit standortgerechten Baumarten, mit natürlich viel Alt- und Totholz, bergen sowohl an Pflanzen als auch besonders an Tieren  das weitaus reichere Artenspektrum im Vergleich zu den gleichaltrigen Buchenhallenwäldern (2). Im Nationalpark Bayrischer Wald hat sich nach den durch Windwurf und Borkenkäfer entstandenen Lichtungen ein natürlicher Bergwald entwickelt, der an Artenvielfalt die vorherigen Forstbestände weit übertrifft (3).

Ferner handelt es sich bei zahlreichen besonders seltenen und wertvollen Arten in der Suchraumkulisse um Urwaldrelikte, die trotz der bisherigen Waldbewirtschaftung überleben konnten, weil aufgrund der schwierigen Geländegestalt, der zerklüfteten Hänge und Bachtäler offenbar immer kleinere Teilflächen von einer völligen Waldverwüstung früherer Jahrhunderte und einer regulären forstlichen Bewirtschaftung in neuerer Zeit verschont geblieben sind.  Aufgrund der Kleinheit und isolierten Lage dieser Strukturen sind sie im Falle einer Zerstörung durch natürliche Katastrophen oder menschlicher Einwirkungen hochgradig vom Aussterben bedroht, weil sich in dem umgebenden bewirtschafteten Wald keine Ausweichstrukturen in erreichbarer Nähe finden.

Es ist erwiesen, dass ein bewirtschafteter Wald für den Klimaschutz wichtiger ist als ein Nationalpark, weil ein Nutzwald mehr CO2 bindet als freisetzt, während ein Naturwald umgekehrt mehr CO2 abgibt als bindet.

Richtig ist: Mit dieser These hat Prof. Gerd Wegener von der TH München in einem Vortrag in Bad Meinberg dem nationalparkkritischen Waldbauernverband große Freude bereitet. Sie trifft aber nur auf eine räumlich und zeitlich sehr eingegrenzte Analyse zu. Langfristig und landesweit ist sie nicht haltbar.

Seit nunmehr fast zehn Jahren werden im Nationalpark Hainich vom Max-Planck-Institut für Biochemie Jena Forschungen zum Kohlenstoffhaushalt des Waldes durchgeführt, die zu neuen – von Prof. Wegener aber nicht berücksichtigten – Befunden geführt haben. Eines der unerwarteten Ergebnisse lautet: „Bereits jetzt können wir aber sagen, dass auch alte, nicht bewirtschaftete Wälder eine bedeutende Kohlenstoff-Senke darstellen können, und daher nicht von vornherein vernachlässigt werden sollten.

Dieser Befund wird bestätigt durch Forschungsergebnisse des europäischen Forschungsverbunds „CargoEurope-Cluster“, der von der EU-Kommission finanziert wird. In einer Pressemitteilung des MPG vom 4. Juni 2003 dazu kann nachgelesen werden: „Aufforstung und Kohlenstoffmanagement in Wäldern erlaubt nur, vorübergehend zusätzlichen Kohlenstoff zu speichern, der aber als CO2 nach circa 15 bis 100 Jahren in die Atmosphäre zurückkehrt. (…) Ergebnisse von Ökosystemstudien, CO2-Flußmessungen und der Inversion atmosphärischer Modelle zeigen, dass auch alte und natürliche Urwälder immer noch CO2 aus der Atmosphäre in beträchtlichem Umfang aufnehmen. Daher wäre es wesentlich effektiver im Sinne des Klimaschutzes, aber auch der Biodiversität, diese Wälder zu schützen als neue zu pflanzen.“ [link]

Die Erfahrungen mit dem Nationalpark Eifel zeigen, dass von einem Nationalpark in Lippe keine wirtschaftlichen Vorteile für die Region zu erwarten sind. Eine Besucherbefragung hat ergeben, dass die meisten Besucher in den NP Eifel nur für vier Stunden kommen und dabei kein Geld ausgeben. Auch die Zahl der Übernachtungen sei kaum gestiegen.

Richtig ist: Der Initiator des NP Eifel, Volker Hoffmann, hat auf einer Versammlung lippischer Waldbauern in Bad Meinberg Befragungs-Ergebnisse zur wirtschaftlichen Rentabilität dieses Projekts vorgetragen, die aussagen, dass der NP Eifel unter Renditeerwartungen bisher zumindest eine Enttäuschung ist.  Was dabei unterging:: Hoffmann nannte auch Gründe dafür. Das Gebiet ist von Wegen zerschnitten, der fortgesetzte Holzeinschlag zerstört den Eindruck ungestörter Natur, neuerdings darf auch wieder gejagt werden, und auch die Gastronomie sei von den Besuchern als miserabel bewertet worden.  So war Hoffmanns Fazit: Der „Nationalpark Eifel“ ist zur Zeit keiner. Seine „Botschaft“ an die Waldbauern hätte also sein müssen: Wenn in Lippe ein Nationalpark errichtet wird, dann ist unbedingt darauf zu achten, dass nicht die gleichen Fehler begangen werden wie in der Eifel.

Wenn man ferner die von Hoffmann dargestellten Ergebnisse der Besucherbefragung auf die Anzahl der Besucher des NP Eifel hochrechnet (die Besucherzahl stieg von 140.000 im Jahr 2006 auf 185.000 in 2007), ergibt sich,  dass trotz der meist kurzen Besuchsdauer und des hohen Anteils von Besuchern ohne Ausgaben im vergangenen Jahr immerhin ca. 2,5 Mio. Euro von allen Besuchern des NP Eifel ausgegeben worden sind.

Eine Verallgemeinerung der schlechten Erfahrungen dort verbietet sich aber auch deshalb, weil diesem Einzelfall überzeugende Erfolgsbilanzen der anderen deutschen Nationalparke gegenüberstehen. Beispiele dazu enthält das Gutachten des Landschaftsexperten Dr. Bockwinkel, das am 20. Mai dem Kreistag Lippe vorgetragen wurde: Die jährlichen Besucherzahlen im Nationalpark Hainich betrugen 1997: 50.000; 2004: 140.000; nach Eröffnung eines Baumwipfelpfades (2005) waren es im Jahr 2006 sogar 385.000 und 2007 über 500.000. Im Nationalpark Bayerischer Wald mit seinen Besucherzentren, Tierfreigehegen und Bildungsprojekten stiegen die Besucherzahlen von 4 Mill. 1970 auf 18 Mill. im Jahr 2001.
Im Müritz Nationalpark ergab sich durch den NP 2004 ein zusätzlicher Nettoumsatz von 11,9 Mill. Euro (4).

Bei knappen Kassen kann sich die Region einen Nationalpark nicht leisten. Durch das völlige Nutzungsverbot und einem jährlichen Verlust von 80.000 Festmetern Holz würden auch den Waldbauern jedes Jahr Erlöse von etwa 3,6 Mill. Euro entgehen.

Richtig ist: Ein Nationalpark kostet Geld. Die Erlöse aus dem Holzverkauf des Landesverbandes Lippe betrugen 2006 ca. 4,53 Mill. Euro. Bei maximaler Kernzonenausweitung würde dieser Erlös dem Bockwinkel-Gutachten zufolge um etwa 30 % (= 1,49 Mill. €) reduziert – ein Ausfall, der kompensiert werden muss. Andererseits bringt der Nationalpark-Tourismus aber auch viel Geld in die Region. Bockwinkel prognostiziert je Besucher ca. 10.- €, wozu jährlich noch 4-5 Mill. € kommen, die das Land für die Nationalparkverwaltung – also für neue qualifizierte Arbeitsplätze – ausgeben wird. So kommt das Gutachten zu dem Schluss: „Nachhaltige Forstwirtschaft im Bereich Teutoburger Wald und Eggegebirge kann nur einen Bruchteil der möglichen Wertschöpfung einer angepassten touristischen Nutzung eines Nationalparks erreichen.

Ein Nationalpark Teutoburger Wald ist außerdem die überzeugendste Möglichkeit, eine regionale Dachmarke zu entwickeln, die nach einer Anlaufzeit von einigen Jahren eine wesentlich größere Wertschöpfung als eine nachhaltige Waldbewirtschaftung ermöglicht. Durch Werbung und Information würde zum einen die Attraktivität der bereits vorhandenen touristischen Infrastrukturen erhöht. Zum anderen könnten durch Nationalparkzentren und geeignete Leuchtturmprojekte ganz neue Schwerpunkte entwickelt werden.

„Es gibt kene Alternative zum Teutoburger Wald und Eggegebirge für die Entwicklung einer zugkräftigen regionalen Marke“

Zudem muss neben der ökonomischen auch die ökologische Rentabilität beachtet werden. Gesunde natürliche Wälder haben eine Wohlfahrtswirkung für die gesamte Bevölkerung.

Tatsache ist auch, dass im Wesentlichen nur ein Privatwaldbesitzer von der Errichtung des Nationalparks Lippe betroffen sein würde. Die potenzielle Nationalparkfläche befindet sich überwiegend im öffentlichen Eigentum. Soweit von privaten Eigentümern Flächen in einen Nationalpark einbezogen werden, würden diesen schon deshalb keine Verluste entstehen, weil sie durch Geld oder Flächentausch entschädigt werden. Dass dies auch geschieht, dafür garantiert das Prinzip der Freiwilligkeit.

1) Knapp, H.D.2007: Buchenwälder als spezifi-sches Naturerbe Europas. In: Europäische Buchenwaldinitiative. BfN-Skripten 222, 13-39.

2) Flade, M., Winter, S., Mollert, G., Schumacher, H. 2007: Biodiversität und Alter von Buchenwäl-dern, ebenda, S. 95-104;vergl. auch  Schulte, U. 2005: Biologische Vielfalt in nordrhein-westfä-lischen Naturwaldzellen. LÖBF-Mitteilungen 3/2005, 43-48

3) Bibelriether, H., 2003: Mit einem Windwurf fing es an. Nationalpark 2/2003, 4-7

4) Job., H. et. al.: Ökonomische Effekte von Groß-schutzgebieten, in: BfN-Skript 135, Bundesamt für Naturschutz 2005

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