Warum Senne?

Vor ca. 200.000 Jahren formte der Gletscherrand am Teutoburger Wald eine Landschaft, die einzigartig in Mitteleuropa ist: die Senne mit einem Mosaik seltener Lebensräume, deren 12.000 ha großes Kernstück derzeit als Truppenübungsplatz genutzt wird. Hier findet man noch mehr als 5000 Pflanzen- und Tierarten, von denen über 500 auf der „Roten Liste“ gefährdeter Arten stehen. Der seltene Schwarzstorch hat hier sichere Brutreviere gefunden, ebenso der Ziegenmelker, die Heidelerche und die Bechsteinfledermaus – um nur einige zu nennen. In den Bächen tummeln sich Groppen und das Bachneunauge.

Zu den Besonderheiten der Landschaft gehören

  • Binnendünen,
  • feuchte und trockene Heideflächen,
  • Moore und Trockenrasen an warmen Kalkhängen,
  • trockener Eichen-Birken-Wald,
  • Erlen-Birken-Bruchwälder,
  • Quellsümpfe,
  • Feuchtwiesen,
  • naturnahe Bachtäler und Quellbäche mit reinstem Wasser.

Seit dem Mittelalter wurde die Landschaft auch durch menschliche Eingriffe stark geprägt. An vielen Stellen entstanden durch Rodung Heideflächen und kleine Steppen. Diese Landschaft von großartiger Schönheit konnte zum Teil erhalten werden, weil sie seit 1892 durch die Nutzung als Truppenübungsplatz von intensiver Landwirtschaft, Siedlungs- und Straßenbau verschont blieb. Dadurch wurde die Senne zum größten zusammenhängenden Gebiet in NRW, das naturnah erhalten ist.

Das Gebiet ist ökologisch so wertvoll, dass der Landtag 1991 einstimmig, d.h. mit Zustimmung der Abgeordneten aller Parteien beschlossen hat, die Senne als Nationalpark auszuweisen, sobald das Militär den Truppenübungsplatz räumt. Im Rahmen des Naturschutzprogramms „Natura 2000“, mit dem ein europaweit vernetztes Schutzgebietssystem geschaffen werden soll, wurde die Senne auf Grund ihrer europaweit herausragenden Flora und Fauna von der EU als europarechtlich geschütztes FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat) und Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Zahlreiche Arten der europäischen Vogelschutzrichtlinie und der FFH-Richtlinie haben hier einen Verbreitungsschwerpunkt und einige Vorkommen gibt es überhaupt nur noch hier.

Die Sennelandschaft ist aber auch ein bedrohter Raum. Der größte Teil der Senne ist durch Zersiedelung, Straßenbau, wirtschaftliche Nutzung, Sandabgrabungen und Industrieansiedlung bereits unwiederbringlich verloren. Was jetzt noch gerettet werden kann, ist nur noch Rest einer einstmals großflächigen Landschaft von ca. 250 Quadratkilometern zwischen Bielefeld-Senne und Bad Lippspringe (SERAPHIM 1978).

Auf dem Truppenübungsplatz hat die militärische Nutzung der Senne zwar verhindert, dass auch dieser Rest noch verloren ging. Allerdings stellt auch sie in bestimmten Bereichen des TÜP eine Bedrohung und Schädigung der Landschaft und Biotopkomplexe dar:

  • Das Befahren des Geländes mit Panzern und anderem schwerem Gerät zerstört große Teile der Vegetationsdecke, führt zu Bodenverdichtungen, dadurch zu Abflüssen von Oberflächenwasser und in der Folge zu Bodenerosion und Grundwasserabsenkung. Durch den Übungsbetrieb versickern auch Schmiermittel, Öle und Kraftstoffe, die das Grundwasser gefährden können.
  • Durch den Schießbetrieb kommt es zu Flurschäden und zu Bodenkontaminationen mit verschiedenen Schadstoffen.
  • Erhebliche Schädigungen ergeben sich auch aus Baumaßnahmen wie Übungsanlagen, Straßenbau und Abgrabungen für den Straßenbau.

Ein nachhaltiger und dauerhafter Schutz für den Rest der Sennelandschaft ist deshalb nur durch ihre Entwicklung zu einem Nationalpark möglich. Die FFH- und Vogelschutz-Richtlinien verbieten zwar Eingriffe in den Naturhaushalt, die den gegenwärtig erreichten Schutz für Pflanzen und Tiere mindern, aber sie lassen die derzeitigen wirtschaftlichen und militärischen Nutzungsformen auch weiterhin zu und erzwingen keine Maßnahmen, die zur Vermeidung der dadurch verursachten Schädigungen unbedingt notwendig wären.

Die Senne bietet genügend Raum, um auf dem überwiegenden Teil die Natur einfach Natur sein zu lassen. Auf ca. 60 % der Fläche könnte statt der naturfernen Wirtschaftswälder ein artenreicher Urwald entstehen, der neben dem Artenschutz auch ein Beitrag zum Klimaschutz wäre. Aber auch das wertvolle Offenland der Senne, eine Kulturlandschaft, die durch Heidschnucken und pflegende Eingriffe offen gehalten werden muss, würde durch einen Nationalpark wirksam geschützt, weil im Fall einer Aufgabe der militärischen Nutzung nur das Land NRW die Pflege der Sandmagerrasen und Heideflächen finanziell sichern könnte.

Für die Abgrenzung eines Nationalparks Senne ergeben sich verschiedene Möglichkeiten, die nicht auf den Truppenübungsplatz beschränkt sein müssten. Das Bundesamt für Naturschutz stellte 1977 in einem Gutachten fest: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte der Nationalpark eine Mindestgröße von 15.000 ha, bestehend aus dem Truppenübungsplatz ‚Senne‘ (ca. 11.600 ha), dem Standortübungsplatz ‚Stapel‘ (ca. 550 ha), angrenzenden Naturschutzgebieten am Rande des Teutoburger Waldes (ca. 800 ha) und dem Buchenwaldreservat ‚Egge-Nord‘ (ca. 2.400 ha).

Diese Größe wäre aus naturschutzfachlicher Sicht optimal, aber nicht erforderlich. Der Standortübungsplatz ‚Stapel‘ wurde bereits aus der Nationalparkplanung herausgenommen. Welchen Zuschnitt die Kulisse bekommen wird, ist letztlich eine Frage der politischen Kompromissfindung.