Waldwirtschaft

Naturwald und naturnahe Waldwirtschaft:
Fragen und Antworten

Welchen Sinn hat ein Wald-Nationalpark, wie er im Teutoburger Wald geplant wird?

Ein Nationalpark ist nach international anerkannter Definition ein Gebiet, in dem die Natur ihren eigenen Gesetzen überlassen bleibt und sich Ökosysteme natürlich entwickeln dürfen, ohne dass der Mensch eingreift. Mit anderen Worten: In einem Wald-Nationalpark soll mit der Zeit eine Wildnis und schließlich, nach Jahrhunderten, wieder ein von Menschen weitgehend unberührter Urwald entstehen. Das ist nur dann möglich, wenn wir die Wälder im Nationalpark aus der forstwirtschaftlichen Nutzung heraus­nehmen. Wir lassen die Bäume, die dort von Natur aus wachsen – das sind im Teutoburger Wald vor allem die Buchen – wieder so alt werden, wie sie von Natur aus werden können, nämlich 300-400 Jahre alt.

Warum ist es sinnvoll, Wälder aus der Nutzung zu nehmen? Worin unterscheiden sich denn solche Naturwälder von naturnah bewirtschafteten Wäldern?

Wirtschaftswälder, auch die naturnah bewirtschafteten Wälder, haben zum Teil nur gleichaltrige Bäume und sind im Durchschnitt jünger als Naturwälder. Das Alter, in dem die Bäume in deutschen Wäldern gefällt werden, liegt bei 70-120 Jahren. In Naturwäldern werden die Bäume 300-400 Jahre alt. Die fortlaufende, technisierte Holzentnahme und die oft gleichförmige Aufforstung führt dazu, dass bewirtschaftete Wälder, auch naturnah bewirtschaftete, immer unvollständige, teilweise uniforme Wälder bleiben. Für die Harvester, die großen Holzerntemaschinen, müssen gerade Rückegassen angelegt werden. Fahrzeuge verdichten und schädigen teilweise den Waldboden. Im Frühjahr werden auch die Wanderwege oft durch forstwirtschaftliche Arbeiten in Mitleidenschaft gezogen, und der Wald ist zeitweise an manchen Stellen unpassierbar.

Wirklich alte Wälder mit über 200jährigen Bäumen sind in Deutschland äußerst selten. Aber erst dort entstehen so wichtige Lebensräume wie Höhlenbäume, Kronentotholz und grob-raue Borken in großer Vielfalt. In normalen Wirtschaftswäldern gibt es fast gar kein Totholz: umgestürzte Bäume, abgefallene Äste werden in der Regel schnell entfernt. In naturnah bewirtschafteten Wäldern sieht es ein wenig anders aus; da gibt es hier und da etwas Totholz, man lässt auch mal einen abgestorbenen Baumstamm stehen. Im Naturwald bleibt sämtliches Totholz liegen oder stehen. Moosbewachsene, morsche Äste oder Stämme, auf denen sich bunte Baumpilze, zahllose Käfer und andere Tiere tummeln, liegen an vielen Stellen herum. Abgestorbene Stämme bleiben stehen und dienen mit ihren Höhlen Spechten, Eulen, Fledermäusen und anderen Tieren als Unterschlupf. Wo ein großer Baum umgestürzt ist, entsteht eine Lücke im Blätterdach; auf dem sonnenbeschienen Waldboden sprießen zahlreiche Pflanzen und frisch aufwachsende kleine Bäume. Einzelne Urwaldriesen ragen mit ihren mächtigen Kronen aus dem Wald heraus. Die Artenvielfalt ist in solchen Wäldern optimal groß.

Ist die Artenvielfalt wirklich in Naturwäldern größer als in naturnah bewirtschafteten Wäldern?

Das wird zwar von Autoren einiger Einzelstudien und von Waldbauernverbänden bezweifelt, aber das Gros der wissenschaftlichen Untersuchungen in Europa kommt zu diesem Ergebnis. Generelle Aussagen lassen sich nur treffen, wenn man die Daten aus vielen Einzelstudien zusammenträgt. Deshalb haben Biologen 2010 eine so genannte Metaanalyse durchgeführt, bei der 120 Einzelstudien in ganz Europa im Vergleich ausgewertet wurden. Das Ergebnis war: In den meisten Tier- und Pilzgruppen war die Artenanzahl in unbewirtschafteten Wäldern (also Naturwäldern) größer als in bewirtschafteten Wäldern. Besonders groß war der Unterschied bei Moosen, Flechten, Pilzen und Holzkäfern, die vor allem auf alten Bäumen und auf Totholz leben, ferner bei Laufkäfern allgemein. Bei den Vögeln gab es keinen eindeutigen Unterschied. Bei den Gefäßpflanzen – das sind alle Pflanzen außer den Moosen – war es umgekehrt: Dort ist die Artenzahl in bewirtschafteten Wäldern meist größer, weil zum Beispiel auf Forststraßen und Flächen, die von Maschinen aufgerissen wurden, zunächst sehr viele verschiedene Pflanzen wachsen, ehe sie von den hoch kommenden Jungbäumen verdrängt werden.

Letztlich ist der platte Vergleich von Gesamt-Artenzahlen gar nicht so wichtig, wie er erscheint. Denn es geht ja nirgendwo darum, die Waldwirtschaft komplett abzuschaffen und überall durch Naturwälder zu verdrängen. Entscheidend ist: Naturwälder sind Reservate für eine ganze Reihe besonders seltener und bedrohter Arten, die in anderen Wäldern und Landschaften so gut wie gar nicht mehr vorkommen. Wirtschaftswälder mögen sogar hier und da eine höhere Artenzahl aufweisen, aber dabei handelt es sich überwiegend um Allerweltsarten. Die Kombination aus Naturwäldern und naturnah bewirtschafteten Wäldern steigert also in jedem Fall die Artenvielfalt, weil sie die Verbreitung seltener und bedrohter Arten unterstützt.

Aber Schwarzstorch und Wildkatze sind doch offenbar jetzt schon im Teutoburger Wald vorhanden.

Das ist richtig, und darüber freuen wir uns. Aber: Es handelt sich nur um vier oder fünf Schwarzstorch-Paare, die in einem kleinen Gebiet im südlichen Teutoburger Wald nisten. Im größten Teil des Teutoburger Waldes gibt es keine Schwarzstörche. Die Wildkatze ist gerade erst dabei, das Eggegebirge wieder zu besiedeln. Auch hier sind erst sehr wenige Tiere nachgewiesen worden. So kleine Populationen haben aber keine langfristigen Überlebenschancen.  Diese beiden Arten würden von einem Nationalpark enorm profitieren und könnten sich in den dort entstehenden Naturwäldern weiter ausbreiten. Ähnliches gilt für den Uhu, den Sperlingskauz, den Mittelspecht, den Eremiten (eine besonders seltene Käferart), mehrere Fledermaus-Arten, die Hirschzunge (eine seltene Farn-Art), viele Moos- und Pilzarten. Alle diese Arten haben es in Wirtschaftswäldern sehr schwer, weil es dort zu wenige alte Bäume und zu wenig Totholz gibt, oder weil die Forstwirtschaft scheue Tiere stört. Als Naturschützer sind wir einfach nicht zufrieden mit wenigen Alibi-Schwarzstörchen.

Im Nationalpark Bayerischer Wald kam es in den 1980er Jahren zu einer explosionsartigen Vermehrung der Borkenkäfer, die dann flächendeckend alle Bäume getötet haben. Kann so ein Ereignis im Sinne des Naturschutzes sein?

Schwierige Frage! Die Antwort ist also ein Ja und Nein.

Ja, weil der Borkenkäfer zu einem Fichten-Naturwald nun einmal dazu gehört. Ja, weil auch der komplette Zusammenbruch eines Waldes – etwa durch einen Orkan wie Kyrill – ein natürliches Ereignis ist. Ja, weil in den abgestorbenen Waldflächen ein sehr artenreicher Jungwald nachwächst, und weil in den Stämmen der abgestorbenen Fichten Rauhfußkäuze und viele andere Tiere neuen Lebensraum finden.

Nein, weil die Borkenkäfer keinen Naturwald zerstört haben, sondern einen von Förstern über Jahrzehnte aufgebauten Fichtenforst, eine gegen Borkenkäferbefall besonders anfällige Monokultur – also das Werk jahrzehntelanger Arbeit. Im Teutoburger Wald dagegen sollen die Fichten in der Entwicklungsphase des Nationalparks zum großen Teil durch Buchen ersetzt werden, die auch ursprünglich dort wuchsen. Die wenigen neu aufkommenden Fichten dürften im Laub-Mischwald gegen den Borkenkäfer erheblich resistenter sein, als es ihre »Eltern« waren. Und Nein, weil Nationalparke schließlich auch der Erholung der Menschen dienen, und die Erholungsqualität der betroffenen Wälder viele Jahre lang stark eingeschränkt war.

Reicht der Naturschutz im Teutoburger Wald durch Naturschutzgebiete und Naturwaldzellen nicht aus?

Nein, denn in Naturschutzgebieten hört die forstwirtschaftliche Nutzung nicht auf. Also auch dort werden die Buchen, wenn sie nach  120 Jahren besonders prächtig und wertvoll geworden sind, gefällt, weil sie da maximal Geld einbringen. Wir möchten aber, dass im Nationalpark diese Bäume stehen bleiben und ihr natürliches Alter von 300-400 Jahren erreichen dürfen. Naturwaldzellen gehen schon eher in diese Richtung, aber sie sind viel zu klein und zu isoliert, um ein ausreichendes Refugium für viele seltene Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sein zu können. Nur ein Nationalpark gewährleistet einen großflächigen Prozessschutz, also einen Status, in dem auf einer großen Fläche – also möglichst 50 km² oder mehr – der Mensch nicht mehr in die natürlichen Prozesse eingreift.

Können die Förster nicht den gleichen Effekt durch Einzelmaßnahmen erreichen, indem sie zum Beispiel nach dem Totholzprogramm zehn abgestorbene Bäume pro Hektar stehen lassen?

Nein. Solche Maßnahmen sind im Rahmen der naturnahen Waldwirtschaft zwar gut und richtig, werden von Zertifikaten wie PEFC und FSC zum Teil vorgeschrieben und nützen ohne Zweifel dem Naturschutz. Aber der Prozessschutz in einem Nationalpark hat eine ganz andere Größenordnung und deshalb auch einen viel größeren Naturschutzeffekt als kleinräumige Maßnahmen. Biologen haben zum Beispiel festgestellt, dass sich Verbreitung und Artenzahl von Holzkäfern und Holzpilzen erst dann deutlich vergrößert, wenn mehr als 30 bis 50 Kubikmeter Totholz pro Hektar vorhanden sind. Das ist aber nicht der Fall in bewirtschafteten Wäldern, deren Hauptzweck der Anbau und Verkauf von Holz ist, und wo der Förster deshalb nur nebenbei hier und da etwas Totholz stehen und liegen lässt.

Ist es für die regionale Holzversorgung nicht schädlich, Wälder aus der Nutzung zu nehmen?

Das kommt auf die Menge an. Ein Nationalpark Teutoburger Wald-Egge würde, je nach Gebietskulisse,  nur 2,6 bis maximal 4 % der Waldfläche Ostwestfalen-Lippes aus der Nutzung nehmen. Rund 96 % der Wälder der Region würden weiterhin Holz produzieren.

Ein Holzmangel ist schon deshalb nicht zu befürchten, weil viel Holz, das in den Wäldern der Region nachwächst, gar nicht genutzt wird. Rund 1 Mio m³ Holz wachsen in OWL jährlich nach. Davon werden derzeit nur etwa 65 % genutzt. Von dem genutzten Holz werden bis zu 40 % aus der Region exportiert (nach Angaben der NW vom 12.8.2011). Dazu kommt: In den nächsten 20-30 Jahren würde im Nationalpark sogar mehr Fichtenholz geerntet als vorher – durch den Umbau zum Buchenwald.

Übrigens wird kein einziger privater Waldbesitzer in seiner wirtschaftlichen Tätigkeit durch einen Nationalpark eingeschränkt. Nationalparke werden auf Staatswald eingerichtet. Staatswald ist Bürgerwald, wie Hans Bibelriether gesagt hat. Das heißt, hier gilt nicht das Diktat der Ökonomie. Hier gilt das Grundgesetz, nach dem der Staat die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen hat.

Geht es nicht zulasten der naturnahen Waldwirtschaft, wenn naturnah bewirtschaftete Waldflächen für einen Nationalpark aus der Nutzung genommen werden?

Was wir oben zur Artenvielfalt gesagt haben, gilt auch für andere Aspekte: Naturwälder und naturnah bewirtschaftete Wälder stehen überhaupt nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen einander. Die naturnahe Waldwirtschaft profitiert schon jetzt von Erfahrungen, die in Naturwäldern, also in Nationalparken, gesammelt wurden. Dort haben wir zum Beispiel gelernt, wie wertvoll Höhlenbäume, Kronentotholz und die raue Rinde alter Bäume als Lebensräume seltener Tiere sind. In der Folge können naturnah wirtschaftende Förster solche Lebensräume auch in ihrem Wald entstehen lassen. Im Naturwald lernen wir, wie der Wald mit sich ändernden Lebensbedingungen, z. B. mit dem Klimawandel umgeht und können diese Erkenntnisse später auf Wirtschaftswälder übertragen. Dazu kommt: Ohne das positive, erlebbare Beispiel von Wildniswäldern in Nationalparken wüssten die meisten Menschen gar nicht, was im Wald alles möglich ist und wie faszinierend ein wilder Wald sein kann. Ohne dieses Beispiel wäre die naturnahe Waldwirtschaft wahrscheinlich nie entstanden.

 

Quellen:

  • Interview mit Hans Bibelriether bei Greenpeace.de, 2012
    (mit vollständigem Text als PDF)
  • Hans Bibelriether: Außer Spesen nichts gewesen! Deprimierende Bilanz zum Internationalen Jahr des Waldes. Nationalpark 1/2012
  • Jörg Müller und Franz Leibl: Unbewirtschaftete Waldflächen sind europaweit artenreicher. AFZ – Der Wald 17/2011
  • Rundbrief 22 des Fördervereins Nationalpark Senne-Eggegebirge

 

 

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